Am Sonntag war in Tocagón eine Hochzeit und wie das ganze Dorf war auch ich eingeladen. Das hat mir zuerst mal die Ehre verschafft, bei einem knapp 4(!)stuendigen Gottesdienst dabei sein zu koennen und danach bei der ungewoehnlichsten Hochzeitsfeier, die ich je erlebt hab!
Als wir nach nem kleinen Dorfumzug mit Lifeband und Rosenblueten auf dem Weg beim Haus vom Braeutigam ankamen, standen zwar jede Menge Plastikstuehle (recht wacklig und schief…) unter einem Plastikzelt, aber da wurden nur die wenigsten von benutzt, der Grossteil der Gaeste setzte sich einfach auf den Boden. Das fand ich am Anfang noch ziemlich merkwuerdig (Hallo? Ist doch ne Hochzeit!), aber warum sie das tun hab ich recht schnell gemerkt, als es zum Essen ging. Das war naemlich eindeutig der wichtigste Punkt des Tages (da konnten selbst die 4 Stunden Kirchenzeremonie nicht mehr mithalten ) und auch der, der mich am meisten zum Staunen gebracht.
Dass mein Mund vor Staunen nicht die ganze Zeit ueber offen war, lag nur an meiner Angst, dass wenn ich ihn nicht schnell genug schliesse noch mehr von dem Essen drin landen koennte, dass es den ganzen Tag ueber pausenlos gab. Sofort als wir alle (auf Stuehlen oder dem Boden…) sassen ging das Essen mit dem ersten Gang los und hoerte auch bis spaet abends nicht mehr auf. Ein Gang nach dem anderen wurde serviert und als wir im Haus vom Braeutigam von Suppe ueber ganze Huehnchen, Rindermaegen, Meerschweinchen, riesige Kartoffelberge, Kekse und Kuchen alles durch hatten ging es weiter zum Haus der Braut, wo das alles nochmal von vorne anfing…
Da fragt man sich natuerlich, wo die denn so viel Besteck fuer all das Essen her haben, aber das Problem wurde ganz einfach geloest – es gab keins! Als ich meinen Suppenteller ohne Loeffel bekam, dachte ich, der kommt vielleicht noch, aber nix da. Als nach 10 Minuten immer noch nichts kam udn alle um mich herum schon beim zweiten Gang waren musste ich einsehen, dass ich die Suppe schluerfen und die Maisstuecken mit den Fingern rauspicken muesste. Als ich so auch das halbe Huehnchen wie ein Raeuber mit Haenden und Zaehnen abknabbern musste haette ich mich auch auf dem Boden wohler gefuehlt…
Waehrend ich so an meinem Huehnchen arbeitete und das Stueck Rindermagen serviert bekam liefen immer ein paar Leute mit Plastikeimern und Plastikbechern herum. Zuerst dachte ich, die wuerden die Knoche und Knorpel einsammeln, aber das war natuerlich wieder eine meiner verwoehnten deutschen Knigge-Ideen – alles was nicht schmeckt wurde einfach auf den Boden gespuckt “Irgendwann setzt sich schon der Naechste drauf, dann sieht mans nciht mehr…”Die Eimermenschen waren unsere “Kellner” und verteilten aus den Plastikbechern die Getraenke – unglaublich suesse Limonade, in denen ich manchmal noch die Zuckerwuerfel spueren konnte, die sich wegen der schon zu hohen Zuckerkonzentration nciht mehr aufloesen konnten. Aus den huebschen Plastikbechern wurde aber ncihts in unsere eigenen Becher geschuettet – die gab es gar nicht erst – sondern alle Gaeste tranken aus den gleichen 4 Bechern, die die Kellner immer wieder fuellten. Ja, so “bruederlich” gehoert sich das doch auf ner Hochzeit, oder? Da den Bakterien sicher eh von dem ganzen Zucker schlecht geworden ist war das kein Problem. Was mich mehr gestoert hat war die Tatsache, dass der Becherrand neben dem Zucker immer noch nach dem geschmeckt hat, was mein Nachbar vorher gegessen hatte…
Nach dem Essen hatten wir so alle nicht nur ne dicke Zuckerschicht auf der Zunge und Meerschweinchen zwischen den Zaehnen, sondern waren natuerlich auch von oben bis unten bekleckert. Das wurde zum groessten Teil einfach an der Kleidung abgeschmiert, oder man nahm die Deko…denn da hatten sich ein paar kreative Koepfe auch was tolles einfallen lassen! Womit kann man naemlcih einer weissen Hochzeit neben einer einsamen Gluehbirne die meiste Atmosphaere verleihen? Genau… mit Klopapier! Um ein paar Kordel geschlungen hingen die Decke und die Waende voll mit weissen Klopapierschlangen…
Trotz der super Deko und dem Spass, den ich bei all dem hatte, scheint die Feier aber doch ne recht ernste Angelegenheit gewesen zu sein. Neben meinem Grinsen, dass ich zu oft einfach nciht unterdruecken konnte waren die Gesichter ziemlich ernst und verbissen – was sicher nciht daran lag, dass sie die Essenreste zwischen den Zaehnen verstecken wollten. Dass Braut und Braeutigam nciht so gluecklich waren konnte ich verstehen, als ich gehoert hab, dass sie so ein riesiges Essen jetzt die naechsten 4 Tage fuer das ganze Dorf und deren Tiere organisieren muessen, aber dann haetten sich wenigstens die Gaeste freuen koennen. Die sassen als es bei der Braut zum zweiten mal 5 Gaenge gab alle mit Plastiktueten um die Toepfe herum und haben so viel sie konnten reingepackt – “para chancho” (fuer die Schweine).
Das Rascheln der Plastiktueten und das Schweigen der Gaeste wurde zuerst mit Life- und spaeter mit Band- Andenmusik ueberdeckt, aber auch der “DJ” hat es nciht geschafft, fuer mehr Stimmung zu sorgen. Alle seine Versuche, die Leute zum klatschen zu bringen “Ein Hoch auf das Brautpaar…einen Applaus fuer die Gaeste…” sind klaeglich gescheitert und selbst als er am Ende verzweifelt mit einem “Jaja, das Leben ist schon doof…” versuchte auf die Gaeste “einzugehen” wurde er schweigend ignoriert.
So das Partydorf ist Tocagón nicht, aber die eindrucksvolle Hochzeit werde ich sicher trotzdem nie vergessen – allein schon weil es mir seitdem immer wenn ich aufs Klo geht um die schoene “Deko” leid tut



